Seit Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine hat sich nicht nur das Thema Verteidigung in Deutschland gewandelt, auch die Logistik der Bundeswehr wird mit anderen Augen gesehen. trans aktuell hat eruiert, was Logistik bei der Bundeswehr bedeutet und inwiefern künftig zivile Partner eine größere Rolle spielen werden. Ein Vertreter des Logistikkommandos der Bundeswehr stand Rede und Antwort.
Der Auftrag ist klar – Logistik stellt die Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte sicher: durch die Versorgung mit Material, Munition, Kraftstoff und Verpflegung sowie durch moderne Instandhaltung. "Als Basislogistik des Unterstützungsbereichs der Bundeswehr sind die Logistiker sowohl mit den Teilstreitkräften als auch mit den multinationalen Verbündeten in der NATO und der EU vernetzt, um die Streitkräfte jederzeit handlungsfähig zu halten – ob in Deutschland oder in Litauen", erklärt der Offizier des Logistikkommandos. Gerade das sicherheitspolitische Umfeld sowie die geopolitischen Entwicklungen zeigen demnach die Notwendigkeit auf, "die Bundeswehr weltweit zum Einsatz bringen zu können", so der Vertreter des Logistikkommandos.
Neufokussierung seit 2014
Das Logistikkommando selbst ist der zentrale Akteur im Logistischen System der Bundeswehr (LogSysBw) und nimmt eine besondere Rolle als Koordinator ein. Denn die Bundeswehr muss sich immer wieder neu anpassen: Seit 2014, also nach der Annexion der Krim, fand eine Neufokussiering hin zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV, siehe trans aktuell 24/2024) statt. Als Ergebnis wurden seit 2017 die mobilen Logistiktruppen der Basislogistik umstrukturiert und einige der seit den 2000er-Jahre geschlossenen ortsfesten logistischen Einrichtungen (olE), also Material- und Munitionsdepots, wieder in Betrieb genommen. Nicht zuletzt der russisch-ukrainische Krieg liefert jetzt permanent wertvolle Erkenntnisse. Der Fokus liegt daher auf dem Schutz logistischer Einrichtungen, auf eine kriegstüchtig gestaltete IT-Unterstützung und auf dem Implementieren neuer Technologien, die einen signifikanten Mehrwert für das logistische System generieren.
Eine Daueraufgabe ist hierbei aus Sicht des Logistikkommandos die digitale Transformation. Ihre Logistik stemmt die Bundeswehr jedoch längst nicht mehr allein: Laut dem Logistikkommando erfolgt die Bedarfsdeckung im Grundbetrieb, bei Übungen und im Rahmen des internationalen Krisenmanagements schon heute in großen Teilen mit ziviler Unterstützung. Kooperationen finden demnach in nahezu allen logistischen Prozessen statt. Im Bereich Verkehr und Transport gilt dies etwa im Rahmen bestehender Transportvereinbarungen für die Unterstützung des Grundbetriebes der Bundeswehr und der logistischen Versorgung der Einsatzverbände in den Einsatzgebieten. Ein aktuelles Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist der Rüstungskonzern Rheinmetall. Der hat mit der Bundeswehr zum Jahresbeginn 2025 eine Vereinbarung abgeschlossen. Inhalt: die logistische Unterstützung bei der Verlegung von militärischen Kräften innerhalb Deutschlands sowie durch Deutschland hindurch Richtung Ostflanke. Die Rahmenvereinbarung hat laut Rheinmetall einen Wert von bis zu 260 Millionen Euro brutto und gilt für den Verteidigungs- sowie den Bündnisfall.
Die Arbeit wird nicht weniger: Aufgrund der in den zurückliegenden Jahrzehnten durchlebten Strukturanpassungen der Bundeswehr müssen die Logistiktruppe wieder aufgestockt werden, so der Vertreter des Logistikkommandos. Aufgabe sei zudem, zu prüfen, wo das logistische System der Bundeswehr resilienter ausgestaltet werden müsse. Daher werde auch eruiert, wo ein Ausbau beziehungsweise eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Wirtschaft zweckmäßig sei. "Dies gilt insbesondere, wenn sich die Bedrohungssituation signifikant erhöhen sollte", heißt es. Das bedeutet im Detail, auch zu überlegen, ob die Bundeswehr zivil-gewerbliche Leistungen so robust und resilient ausgestalten kann, so dass diese auch im Ernstfall gesichert erbracht werden. Der Austausch zwischen Bundeswehr und Wirtschaft findet laut Logistikkommando schon lange statt. Ziel sei, die Engpässe aufzuzeigen, aber auch die Möglichkeiten der Industrie auszuloten. Vehikel dazu sind demnach der Arbeitskreis Industrieunterstützung (AK INDUNT), das Projekt "Zukunftsorientierung Kooperationen in der Logistik" sowie Dialogformate wie das "Forum Bundeswehrlogistik". Interessierte Unternehmen können sich im Vorfeld der Vergabeverfahren an diesen Dialogformaten beteiligen.
Ansprechpartner
Zuständig für die Beschaffung auf der einen Seite und Entsorgung auf der anderen Seite – und damit die Leistungsausschreibung – sind demnach zwei verschiedene Ressourcenämter: das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen Bundeswehr (BAIUDBw). Bestehende Ausschreibungen sind auf der "e-Vergabeplattform" des Beschaffungsamtes des Bundesministeriums des Innern (BMI) einsehbar. "Informationen zu geplanten Ausschreibungen werden aber nicht vorab kommuniziert, in der Regel sind bei Vergaben vorab Vorprüfungen entlang der Vergabeordnung für die Bereiche Verteidigung und Sicherheit notwendig", informiert das Logistikkommando.
Dabei variieren die Vergabevolumina je nach Art der Leistung; die Vergabe erfolgt unter anderem auch in Teillosen beziehungsweise als Vorhalte- oder Dauerleistungsvereinbarung in Abstimmung mit den Ressourcenämtern. Was für die Logistik zu beachten ist? "Die Spezifika sind nicht immer gleich und hängen vom Leistungsgegenstand ab", so der Vertreter des Logistikkommandos. Die Anforderungen für zivile Partner: "Grundsätzlich sind Zertifizierungen gefordert, die den gesicherten Austausch von Informationen, als auch die notwendige Qualität der Leistungen in Art und Umfang sicherstellen. Dies betrifft beispielsweise IT-Schnittstellen, die Personalauswahl als auch wirtschaftliche Kennzahlen."
Die Anforderungen sind also nicht einfach, aber der Einsatz hoch, so das Logistikkommando: "Ohne funktionierende Logistik ist keine Armee der Welt handlungsfähig. Fahrzeuge, Munition, Verpflegung und Ersatzteile müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – eine Aufgabe, die höchste Präzision und Organisation verlangt." In vielen Bereichen gebe es daher eine Abstützung auf zivile Dienstleister, ohne die es faktisch heutzutage nicht mehr gehe.
Operationsplan Deutschland in der Praxis
Die Bundesregierung investiert mit mehreren Milliarden Euro in den nächsten Jahren massiv in die inne und äußere Sicherheit. In diesem Zuge soll auch die Kooperation zwischen der Bundeswehr und der Privatwirtschaft intensiviert werden. Ein Stichwort ist dabei der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) als zentrales Strategiekonzept der Bundeswehr zur Landes- und Bündnisverteidigung, das militärische und zivile Maßnahmen für Krisen- und Verteidigungsfälle verzahnt. Eine Studie zeigt auf, wie eine bessere privatwirtschaftlich-militärische Zusammenarbeit aussehen könnte.
An der Studie beteiligt waren Autoren von BwConsulting, also der Inhouse-Beratung der Bundeswehr, der Management- und IT-Beratung MHP und des Zentrums Nachhaltige Transformation an der Quadriga Hochschule Berlin. Die Leitfrage der Experten war dabei, wie die Kooperation zwischen der Bundeswehr und der Privatwirtschaft im Rahmen privatwirtschaftlich-militärischer Zusammenarbeit (PMZ) so ausgestaltet werden kann, dass Wehrfähigkeit und Resilienz Deutschlands gesteigert werden. "Die Studie versteht sich primär als Kooperationsangebot zwischen Bundeswehr und Privatwirtschaft. Es geht nicht darum, vermeintliche Fähigkeitslücken des Militärs aufzuzeigen, sondern darum, vorhandene zivile Kapazitäten systematisch einzubinden", sagt John Claudius Eisenhauer, Partner und Sector Lead Public & Defense bei MHP. Im Ernstfall müssten innerhalb von sechs Monaten rund 800.000 Soldaten samt Material durch Deutschland verlegt werden – eine logistische Großaufgabe.
Konkret verfügt die Privatwirtschaft beispielsweise über rund 3,8 Millionen zugelassene Lkw in Deutschland, die im Bedarfsfall für umfangreiche Transportleistungen genutzt werden könnten. Ein weiteres Beispiel ist die ergänzende Einbindung ziviler Industrie- und Logistikstandorte entlang zentraler Verkehrsachsen, die im Bedarfsfall zusätzliche Unterstützungsleistungen wie einfache Instandsetzung, Betankung oder technische Checks übernehmen und so temporäre Kapazitätsspitzen abfedern können", so Eisenhauer. Darüber hinaus erbringen Unternehmen täglich auf hohem Niveau Leistungen in den Bereichen Transportlogistik, Energieversorgung, Lagerhaltung und IT-Infrastruktur – alles zentrale Schlüsselressourcen für militärische Mobilität und Durchhaltefähigkeit.
Im Rahmen der Studie eruierten die Experten etwa die aktuellen Herausforderungen und die daraus abgeleitete Sicherheitsstrategie "Comprehensive Defensive". Sie untersuchten zudem Best Practice-Beispiele aus anderen NATO-Staaten, die bereits Modelle für eine PMZ an den Schnittstellen zwischen Staat, Militär und privatwirtschaftlichen Akteuren entwickelt haben. "Eine strukturierte Plattform für die privatwirtschaftlich-militärische Zusammenarbeit ist erforderlich, weil staatliche Krisen- und Verteidigungsfähigkeit heute unmittelbar von zivilen Logistik-, Transport- und Versorgungssystemen abhängt. Unternehmen verfügen zwar über hochentwickelte operative Strukturen, diese sind jedoch bislang nicht systematisch mit den Bedarfslagen, Planungsprozessen und Führungslogiken von Bundeswehr und Behörden verzahnt", erklärt Eisenhauer.
Ohne einen gemeinsamen organisatorischen und digitalen Rahmen fehl im Ernstfall ein aktuelles, belastbares Lagebild: Engpässe werden zu spät erkannt, vorhandene Ressourcen nicht priorisiert oder ineffizient eingesetzt. Für Deutschland schlagen die Autoren vor, eine "Digitale Logistische Drehscheibe" zu entwickeln. Im Mittelpunkt dieses Systems steht ein digitaler Zwilling der privatwirtschaftlichen Logistik, der mit Daten der Unternehmen gefüttert werden soll. Der Zwilling bilde "reale Strukturen wie Fahrzeugflotten, Lagerstandorte, Umschlagkapazitäten und Versorgungsnetze digital ab", sagt Eisenhauer.
Auf Basis bereits vorhandener Unternehmensdaten entsteht so ein dynamisches Lagebild, das transparent macht, welche Ressourcen wo und in welchem Umfang verfügbar sind. Dieses ergänzende Versorgungslagebild ermöglicht eine realistische Planung, schnelle Koordination und eine zielgerichtete Nutzung ziviler Kapazitäten für militärische Zwecke, weil es ein kontinuierlich aktualisiertes, digitales Gesamtbild der zivilen Transport-, Lager- und Versorgungskapazitäten liefert. Ein solcher digitaler Zwilling schaffe auch die erforderliche Transparenz und die rechtliche Verbindlichkeit für die PMZ, so die Studie.
Transparenz in Echtzeit
"Eine zentrale, digitale Plattform schafft mittels Echtzeitsimulation nicht nur Transparenz über verfügbare Kapazitäten, sondern ermöglicht es, Infrastrukturbelastungen, Engpässe und deren Auswirkungen auf vorgelagerte und nachgelagerte Versorgungsstrukturen vorausschauend zu analysieren und belastbare Entscheidungsoptionen abzuleiten", erklärt der MHP-Berater. Die abgebildeten, privatwirtschaftlichen Akteure können zudem schnell und unkompliziert aktiviert und gesteuert werden, so dass eine belastungsfähige Grundlage für schnelle, koordinierte Entscheidungen zwischen Staat, Streitkräften und Privatwirtschaft gegeben ist. Sechs Voraussetzungen benennt die Studie für den Aufbau: etwa eine gesamtstaatliche Trägerschaft für die Digitale Versorgungsdrehscheibe (PMZ) mit dem Nationalen Sicherheitsrat und dem Nationalen Lagezentrum im Bundeskanzleramt als Integrationsplattform.
Weiter Voraussetzung ist, dass die PMZ auch dynamische Informationen aus der Wirtschaft aufnimmt, um ein verlässliches Versorgungslagebild zu haben. Für die privaten Unternehmen brauche es zudem einen Daten- und Bereitstellungsrahmen, damit diese ihre Versorgungsrelevanten Daten bereitstellen – Vorteil: solche Datenaustauschmodell sind in der Branche bereits gelebte Praxis. Unternehmen bräuchten darüber hinaus einen staatlichen, verlässlichen Anreiz zur Mitwirkung. Als Beispiel sieht die Studie etwa den Auftrag zur Einrichtung von "Convoy Support Centers" etwa durch Rheinmetall (siehe Artikel oben) mit Einbindung in die Übungen der Streitkräfte. Kooperationen dieser Art gelte es zu standardisieren und auszubauen.
Eine Pilotierung entlang definierten Drehscheibenachsen könnte zudem die Weiterentwicklung und Skalierung des PMZ-Modells ermöglichen; in weiteren Testfeldern könnten etwa Datenintegration, Vertragsmechanismen und Kooperationslogistik in unterschiedlichen Sektoren wie Logistik, IT oder Versorgung erprobt werden. Und nicht zuletzt brauch es den Aufbau eines gesamtstaatlichen Kooperationsmodelles, das auf einem regelmäßigen Übungskultur basiere.






