Retro Classics Stuttgart 2026: 130 Jahre Lkw

Retro Classics Stuttgart 2026
Das Beste aus 130 Jahren Lkw

25 Jahre Retro Classics, 130 Jahre Daimler-Motorlastwagen, 80 Jahre Unimog, 75 Jahre Setra und 30 Jahre Mercedes-Benz Actros – auf der beliebten Stuttgarter Oldtimer-Messe gab es viel zu feiern!

Das Beste aus 130 Jahren Lkw
Foto: Johannes Roller

Zum Jubiläum der Retro Classics strömten an die 83.000 Besucher auf das Gelände der Messe Stuttgart, um in sieben Hallen rund 2.800 Fahrzeuge aus mehr als einem Jahrhundert Automobilgeschichte zu erleben. Besonders erfreulich war aus Veranstaltersicht der gestiegene Anteil internationaler Gäste, vor allem aus der Schweiz, Österreich und Frankreich. Weniger erfreulich waren einige notdürftig geschlossene Lücken in den Reihen der Aussteller, die für die Zukunft zu denken geben, die Faszination Oldtimer aber erstmal nicht schmälerten.

Die Exponate werden jünger

Wer auf der Suche nach Nutzfahrzeugveteranen war, wurde in Halle 10 fündig. Gleich zur Begrüßung standen da wieder das historische Karussell, die Waffelbäckerei und die roten Zugmaschinen (u.a. ein Kaelble KV 632 ZB, Baujahr 1969) von Eliszi’s Jahrmarktstheater aus Stuttgart. Frisch gestärkt ging’s weiter zum Stand der IG-Süd, vorbei an bunt gemischten Lkw verschiedener Epochen. Die meisten davon trugen den Stern im Kühlergrill – vom L311 von 1956 bis zum top erhaltenen 2653 V8 von 1998, einem der letzten gebauten SK.

Ein skurriles Exponat war ein Scheunenfund, ein verwitterter Renault TN 4, Baujahr 1931, der vermutlich im Zweiten Weltkrieg vom Bus zum Lkw umgebaut worden war. Er soll künftig im neuen Automobil- und Technikmuseum Mietesheim (Elsass) ausgestellt werden, dessen Eröffnung für 2027 geplant ist.

Kleine feine Busgemeinde

Weiter hinten in Halle 10 stand die Wagenburg der Interessengemeinschaft Historische Omnibusse International, mit Konrad Auwärter als Dreh- und Angelpunkt. „Wir wachsen, auf der ganzen Welt gibt es Gleichgesinnte, auch wenn die Busgemeinde kleiner ist als die Lkw-Community“, zeigte sich Auwärter zufrieden. „Ich bin jetzt 86 Jahr alt und versuche, das Beziehungsgeflecht so zu pflegen, dass es ein Selbstläufer wird.“ Auch ein Nachschlagewerk zu den Marken, Modellen und Besitzern historischer Omnibusse hat sein Museum, der Automobil-Park Auwärter in Pilsting, kürzlich herausgegeben.

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Big Mac auf Rädern

Als buchstäblichen Leckerbissen aus seiner Sammlung hatte er den Auwärter Neoplan Cityliner N 116 „Big Mac“ mitgebracht, einen 1977 für McDonald’s aufgebauten Werbebus mit luxuriöser Innenausstattung, gelben „M“ auf den Seiten und stilechtem Big-Mac-Schriftzug an der Front. Als McDonald‘s seinen im Dezember 1971 in München begonnenen Siegeszug durch Westdeutschland dann abgeschlossen hatte, ging der Bus zurück an Auwärter. Heute kann er originalgetreu erhalten im Automobilpark-Auwärter besichtigt werden.

75 Jahre Setra – selbsttragende Omnibusse seit 1951

Um bei den Bussen zu bleiben, aber schon mal einen Schritt Richtung Daimler Truck zu machen: Die Ulmer Marke Setra, seit 1995 Teil von Daimler, präsentierte zu ihrem 75-jährigen Bestehen einen formvollendeten, panoramaverglasten Setra S 8 aus der Oldtimersammlung in Neu-Ulm. Der rot-beige, 9,3 Meter lange Omnibus aus dem Jahr 1954 hat 29 Sitzplätze und wird von einem Reihensechszylinder-Dieselmotor von Henschel mit 74 kW (100 PS) angetrieben. Im Jahr 1951 fand die Premiere dieses ersten, selbsttragenden Omnibusses am Rande der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt a. M. statt, auf dem Firmengelände eines Kässbohrer-Generalvertreters. Doch schnell stand der erste Integralbus Deutschlands, der Fahrgestell und Aufbau vereinte, im Fokus der Fachwelt und setzte neue Maßstäbe im europäischen Omnibusbau.

130 Jahre Lkw

Doch nun zu den Daimler-Lkw: Die Hüter des Firmenerbes, Mercedes-Benz Trucks Classic, gaben auf einer Ausstellungsfläche von 700 Quadratmetern den Startschuss zum großen Jubiläumsjahrs „130 Years Trucks“. Stand-Highlight war der Wiederaufbau des weltweit ersten motorisierten Lastwagens, den Gottlieb Daimler 1896 präsentiert hatte. Der „Phoenix“ genannte Zweizylinder-Heckmotor leistet vier PS bei 1,06 Liter Hubraum und treibt über einen Riemenantrieb die Hinterachse an. Schraubenfedern schützen den empfindlichen Motor vor Erschütterungen, die Vorderachse wird per Kette gelenkt. Der Fahrer sitzt wie bei einer Kutsche auf dem Bock. Bemerkenswert: Daimler integrierte bereits ein Prinzip, das bis heute in schweren Lkw genutzt wird: die Außenplanetenachsen.

Schon 1898 folgte die nächste Evolutionsstufe: Der Motor wanderte unter den Fahrersitz, später weiter nach vorn vor die Vorderachse. Im Jahr 1899 lieferte Daimler die ersten Lkw nach England und Frankreich, wo sie sich gegen dampfbetriebene Fahrzeuge durchsetzen.

80 Jahre Universal-Motor-Gerät

Ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Motorlastwagen entstand 1946 der Unimog: erst bei Erhard & Söhne, dann bei Gebr. Boehringer, ab 1951 bei Daimler Benz. Es gibt also öfter etwas zu feiern beim Unimog. In diesem Fall das 80-Jährige, das von zwei Exponaten symbolisiert wurde: einem ganz frühen Unimog von 1946 und einem U1100L von 1978, der 1999 von der französischen Armee in die Daimler-Sammlung gelangte.

Drei Jahrzehnte Mercedes-Benz Actros

Vor 30 Jahren läutete dann das heutige Flaggschiff, der Actros, den Wandel vom klassischen Nutzfahrzeug zum hochentwickelten, elektronisch vernetzten Arbeitsgerät ein. Der Actros war der erste schwere Mercedes-Lkw mit CAN-Datenbus, elektronisch gesteuerten Scheibenbremsen, integrierten Sicherheitsassistenten und dem damals wegweisenden MegaSpace-Fahrerhaus. Natürlich hatte auch der jüngste Actros, der eActros 600, bei dieser Gelegenheit seinen Retro-Classics-Auftritt. Ihm stellte Mercedes-Benz Trucks Classic einen Actros 1843 LS der Spedition Hamprecht aus Künzelsau gegenüber. Dort ist der „Truck of the Year ‘97“ noch immer täglich im Einsatz, wie Classic-Mann Bernd Hufendiek betonte.

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Ein Opel Blitz fürs THW

Da die Technik-Museen Sinsheim Speyer ihren Retro-Classics-Auftritt abgesagt hatten, tat sich in Halle 10 eine gewisse Lücke auf. Diese füllten ein roter Porsche-Renntransporter auf Mercedes-Benz O 317 K und ein ultramarinblauer Mannschaftskraftwagen auf Mercedes-Benz LA 911 B, der von 1987 bis 2022 beim THW im Einsatz war. Samt Originalbeladung aus den 80er-Jahren gehört der Rundhauber nun zur THW-historischen Sammlung (THWhS).

Die Ehrenamtlichen hatten aus ihren Depots außerdem ein ausgemustertes „Bergungsräumgerät“ (Zettelmeyer ZL1801) mitgebracht sowie einen imposanten, 1996 vom Bundesgrenzschutz übernommenen Mercedes-Benz 2028 6x6 V8 mit Pritsche/Plane/Ladebordwand. Probesitzen war hier wie immer möglich und erwünscht. Das zentrale Exponat stammte jedoch gar nicht aus THW-Beständen, sondern von der Feuerwehr: ein ziemlich ramponierter Opel Blitz 1,75 t.

In dieser Ausführung, als Kastenwagen mit breiter Haube, hatte das THW den Opel Blitz Mitte der 50er-Jahre als Erstausstattung erprobt. Keines der damaligen Fahrzeuge blieb erhalten, also erfüllt sich das THWhS-Team den Wunsch nach „einem Blitz in der Sammlung“ mit dem Feuerwehr-Relikt, das bis auf die fehlende Dachluke mit den damaligen THW-Blitzen übereinstimmt. „Das ist ein etwas längerfristiges Projekt, er soll komplett als Fahrzeug der ersten Stunde wiederaufgebaut werden, erklärte Rainer Mahn von der THWhS. Depotleiter Andreas Hartmann verantwortet den Wiederaufbau und hat sich vorgenommen, den fertigen Blitz eines Tages wieder zur Retro Classics mitzubringen.

Spannende Feuerwehr-Technik

Stichwort Feuerwehr: Die Feuerwehren und Feuerwehrmuseen aus der Region hatten einmal mehr einige ihrer chromblitzenden automobilen Schätze aufgefahren, vom Mercedes-Kurzhauber bis zum Ford Transit. Ins Auge fielen hier zwei Magirus-Deutz-Rundhauber: der eine ein LF 16-TS von 1962 mit einer seltenen, über eine Klauenkupplung an den Radnaben der Hinterachse angetriebenen Marso-Seilwinde, der andere ein Rüstkraftwagen RKW 7 von 1954, in dessen Heck sich ein 6,5-Tonnen-Demag-Kran verbirgt. Wahre technische Leckerbissen, top gepflegt und „nicht verbastelt“, wie einer der Feuerwehrleute anmerkte.

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Messepremiere für den Reservistenverband

Über eine gelungene Messepremiere freute sich schließlich am Nachbarstand in Halle 10 der Reservistenverband, der diesmal anstelle der Bundeswehr Dienstflagge zeigte bzw. olivgrüne Fahrzeugklassiker, heute allesamt in Privatbesitz: „Kraka“, VW 183 „Iltis“, Unimog S 404 B, DUKW-353 Schwimm-Lkw und mehr. Dass sich die Reservisten bei ihrer Messepremiere über ein großes Publikumsinteresse freuen konnten, dürfte neben Glücksrad und Flecktarn-Gummibärchen an der gestiegenen öffentlichen Wahrnehmung der Bundeswehr gelegen haben. Auch die Frage nach Einstellungsmöglichkeiten war immer wieder zu hören, vor dem Hintergrund der Situation von Arbeitsmarkt und Automobilindustrie. So schnell gelangt man von den Fahrzeugen der Vergangenheit zu den Themen der Gegenwart.