VDA Summit 2026: Standort Deutschland unter Druck

VDA Mobility Innovation Summit 2026
Industrie fit, Standort schwach

Zum Auftakt des diesjährigen VDA Mobility Innovation Summit diskutierten Industrie und Politik über die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland mit klaren Botschaften zu Tempo, Technologie und Regulierung.

VDA Mobility Innovation Summit 2026
Foto: Markus Bauer

VDA-Präsidentin Hildegard Müller zeichnete ein ambivalentes Bild der deutschen Automobilindustrie: Die Branche selbst sei wettbewerbsfähig und für die Zukunft gerüstet, der Standort hingegen noch nicht. Batterien kämen in Elektrofahrzeugen bereits auf einen Wertschöpfungsanteil von bis zu 40 Prozent und seien damit ein zentraler Faktor der industriellen Transformation.

Müller betonte, dass neue Akteure mit hoher Geschwindigkeit in den Markt drängten und dabei Abhängigkeiten entstünden, die industrielle Wertschöpfungsketten verwundbar machten. Der Halbleitermangel und geopolitische Krisen hätten das zuletzt deutlich gezeigt. Versorgungssicherheit sei daher entscheidend für Produktion, Innovation und Beschäftigung.

Investitionsstandort Deutschland: Wo bleibt das Kapital?

Die aktuelle Krise sei keine Krise der Automobilindustrie, sondern eine Krise der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas, so Müller. Investitionsbereitschaft sei bei den Herstellern vorhanden, die entscheidende Frage sei aber, wo diese Investitionen landeten. Patriotismus allein reiche nicht: Energiepreise, Marktzugang und steuerliche Rahmenbedingungen müssten stimmen, sonst verlagerten sich Investitionen ins Ausland.

Als Reaktion auf den wachsenden Wettbewerbsdruck plädierte Müller für mehr industrielle Kooperationen. Mehr als 30 Unternehmen wollten bereits gemeinsam Software-Grundlagen entwickeln, um Tempo, Effizienz und Wirksamkeit zu steigern. Dieses Modell müsse auf weitere Technologiefelder wie Batterien und Künstliche Intelligenz ausgeweitet werden.

KI und autonomes Fahren: Deutsche Hersteller gut positioniert

KI bezeichnete die VDA-Präsidentin als zentralen Innovationstreiber in Entwicklung, Produktion, Logistik und Qualitätssicherung. Moderne Fahrerassistenzsysteme verarbeiteten große Datenmengen aus verschiedenen Sensoren und trieben sowohl die Verkehrssicherheit als auch den Automatisierungsgrad voran. Beim autonomen Fahren seien deutsche Hersteller und Zulieferer weltweit gut aufgestellt, Europa brauche dafür jedoch einheitliche und innovationsfreundliche Regelungen. Auch Cybersecurity gewinne an Bedeutung, da Fahrzeuge zunehmend mit Infrastruktur und anderen Verkehrsteilnehmern kommunizierten.

Mit Blick auf den Regulierungsrahmen mahnte Müller zur Beschleunigung bürokratischer Prozesse. 2025 sei seit 15 Jahren das regulierungsstärkste Jahr gewesen. Es gehe nicht darum, Verantwortung abzulehnen, sondern Innovationen zu ermöglichen statt zu ersticken. „Man macht keine Nachhaltigkeit, indem man nur Reportings macht", sagte Müller. Und: „Wenn wir in Deutschland auf das Niveau von Dänemark kämen, würden wir 100 Milliarden an Wirtschaftsleistung sparen."

KI-Infrastruktur: Deutschland will Rechenkapazität vervierfachen

Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung Dr. Karsten Wildberger rief dazu auf, den Blick nach Indien zu richten, als Beispiel für skalierbare Innovationskraft. Systeme wie das Unified Payment Interface zeigten, was möglich sei, wenn digitale Infrastruktur konsequent ausgebaut werde. Indien strebe nun die globale Führungsrolle bei 6G an.

Die größte Herausforderung für Deutschland sei, dass man an zentralen Innovationswellen bislang nicht ausreichend teilgenommen habe. Bei KI müsse Deutschland über alle Wertschöpfungsketten hinweg aufholen, von der Entwicklung bis zum fertigen Produkt. Zwar seien die Forschungsvoraussetzungen hervorragend, doch fehle es an Skalierung. Rechenzentren, Gigafactories und KI-Fabriken seien jetzt gefragt; die KI-Rechenkapazität solle vervierfacht werden.

Wildberger kündigte an, sich für eine innovationsfreundliche KI-Regulierung auch auf europäischer Ebene in Brüssel einzusetzen. Im Verwaltungsbereich solle agentische KI bei Infrastrukturgenehmigungen eine Zeitreduktion von bis zu 85 Prozent ermöglichen, ein Ansatz, den der Bund hochskalieren wolle. Parallel dazu solle ein Drittel der Berichtspflichten abgebaut werden.

Deutschland-Stack: Souveräne Cloud als digitale Grundlage

Ein weiteres Kernproblem sah der Minister in der fehlenden Standardisierung digitaler Infrastruktur. Bundesländer und Kommunen betrieben jeweils eigene, kleinteilige Cloud-Lösungen ohne einheitliche Standards. Mit dem sogenannten Deutschland-Stack solle künftig eine gemeinsame Basis geschaffen werden, eine souveräne Cloud-Infrastruktur als Fundament für weitere Digitalentwicklungen. Schritt für Schritt sollten auch Bürgerservices wie die Fahrzeugummeldung digitalisiert und in einer Deutschland-App mit digitaler Brieftasche gebündelt werden.

Zum Abschluss plädierte Wildberger für mehr Gelassenheit im politischen Diskurs. In komplexen Zeiten müsse Unsicherheit Raum haben. Mit Voltaire: „Zweifel ist kein angenehmer Zustand, aber Gewissheit ist ein absurder." Deutschland habe das Potenzial, wieder zu wachsen und Innovationen voranzutreiben. „Es passiert einiges, auch zum Guten."

In der anschließenden Diskussion ergänzte Wildberger mit Blick auf KI-Rechenzentren: „Jetzt müssen wir schauen, dass wir das beschleunigen und die Unternehmen hier bleiben" und „Damit wir die Technologien beherrschen, müssen wir schneller entwickeln und dafür kämpfen."

Batterieproduktion: Europa plant Netzwerk bis 2034

Dr. Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, unterstrich die strategische Bedeutung der Batterietechnologie für Wirtschaftsstandort und Wohlstand. Die Nachfrage werde weiter wachsen, doch Asien beherrsche den Markt derzeit sowohl technologisch als auch preislich, was zu gefährlichen Abhängigkeiten führe.

„Wenn die Zukunft nicht auf uns wartet, müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen", formulierte Jungk den Anspruch der Bundesregierung. Mit einer Hightech-Agenda fokussiere man sich auf sechs Schlüsseltechnologien, darunter klimaneutrale Mobilität mit der Batterie als zentralem Element. „Wir wollen die Batterie technologisch beherrschen und wir wollen sie wettbewerbsfähig herstellen", so Jungk. Dabei gehe es nicht nur um Zellen, sondern auch um Rohstoffe und Produktionsprozesse. Bis 2034 solle ein europäisches Batterieproduktionsnetzwerk stehen.

Forschung trifft Praxis: Deutschland muss Transfer beschleunigen

Deutschland verfüge eigentlich über alle nötigen Voraussetzungen: Chemie, Produktion, Maschinenbau und eine starke Forschungslandschaft. Spätestens bei der nächsten Batteriegeneration müsse Deutschland wieder vorne dabei sein. Doch Jungk mahnte auch zur Selbstkritik: „Entscheidend ist, dass die Erkenntnisse aus der Forschung in der Praxis ankommen. Wir müssen die Technik schneller auf die Straße bringen. Das gelingt uns zu oft noch nicht."