Die Nutzfahrzeugindustrie steht vor einem Jahr mit wichtigen Produkteinführungen und strategischen Projekten. Zu den Herstellern, die ihre Perspektiven für das nächste Jahr darlegen, zählen Daimler Truck, Volvo Trucks, Iveco, Renault Trucks und MAN Truck & Bus.
Daimler Truck formt Archion
Daimler Truck bezeichnet 2026 als Jahr wichtiger Meilensteine. Das Unternehmen führt Mitsubishi Fuso mit der Toyota-Tochter Hino Motors in der neuen Holdinggesellschaft Archion zusammen. Außerdem treibt Daimler Truck Innovationen voran, etwa durch das neue Joint Venture Coretura, in dem gemeinsam mit Volvo eine software-definierte Fahrzeugplattform für Nutzfahrzeuge entwickelt wird.
eActros und eArocs gehen in Serie
Um weitere Kundenanforderungen lokal CO2e-frei abzudecken, erweitert Mercedes-Benz Trucks sein batterieelektrisches Lkw-Portfolio. Ab dem Frühjahr startet die Serienproduktion der zweiten Generation von eActros 400 und eActros 600. Ab Herbst folgt der eArocs 400 für den Einsatz im urbanen Bauverkehr.
GenH2 und globale Investitionen
Bei wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen mit Brennstoffzelle stellt Daimler Truck die nächste Generation des GenH2 Trucks vor, der im Rahmen einer Kleinserienproduktion von 100 Fahrzeugen ab Ende 2026 bei verschiedenen Kunden in den Praxisbetrieb gehen soll. Gleichzeitig fokussiert sich das Unternehmen auf profitable Wachstumsfelder, darunter Aktivitäten im Defence-Bereich, das Engagement im Markt Indien sowie das Geschäft mit sogenannten Vocational Trucks in Nordamerika. In Lateinamerika investiert Daimler Truck in einen neuen Produktionsstandort in Argentinien. Die bislang in Virrey del Pino produzierten Mercedes-Benz Lkw- und Busfahrgestelle werden ab dem zweiten Quartal 2026 im neuen Werk in Zárate gefertigt. Daimler Truck weist zudem auf das 130-jährige Jubiläum des ersten Lastwagens hin, der 1896 von Gottlieb Daimler entwickelt und an einen Kunden übergeben wurde. Dieses Jubiläum soll im Rahmen der IAA Transportation im September in Hannover gewürdigt werden.
Volvo setzt auf FH Aero
Volvo Trucks nennt die Markteinführung des Volvo FH Aero mit E-Achse als eines der Highlights für 2026 und verweist zudem auf die Auftritte auf der IFAT in München sowie der IAA Transportation in Hannover. Markus Weckesser, Geschäftsführer von Volvo Trucks Deutschland, sagt: „Das globale Geschäft für Nutzfahrzeuge bleibt anspruchsvoll.“ Zwar seien über 1.000 Volvo E-Trucks in Deutschland zugelassen, doch als Pionier im Segment hätte man sich „eine steilere Zulassungskurve gewünscht“. Die Verlängerung der Mautbefreiung bis 2031 sei ein wichtiges Signal, allerdings gebe es weiterhin Faktoren wie den Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur und verlässliche Förderungen, die Volvo Trucks als Hersteller nicht direkt beeinflussen könne.
Iveco schließt Elektroportfolio
Auch bei Iveco steht das Jahr 2026 im Zeichen grundlegender Weichenstellungen. Das Unternehmen spricht von einem „entscheidenden Meilenstein“. Vorstandsvorsitzender Christian Sulser betont: „Unser erweitertes Elektroportfolio wird vollständig verfügbar sein.“ Dazu gehören die Transportermodelle eJolly, eSuperJolly sowie die vollelektrische Iveco S-eWay-Sattelzugmaschine für den schweren Fernverkehr. Parallel modernisiert Iveco das gesamte Fahrzeugprogramm und verknüpft es mit einem wachsenden Service- und Vernetzungsangebot. Ziel sei es, „ein noch intensiveres Fahrerlebnis zu schaffen“.
Iveco mahnt Politik an
Nach Einschätzung von Sulser steht nicht nur Iveco, sondern die gesamte Nutzfahrzeugbranche vor grundlegenden Aufgaben. Drei politische Weichenstellungen seien unerlässlich. Erstens müssten die Standortbedingungen in Deutschland deutlich verbessert werden. Zweitens fordert Sulser ein funktionierendes Ökosystem für emissionsfreie Nutzfahrzeuge und kritisiert: „Es ist nicht hinnehmbar, dass es bislang nahezu keine Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge gibt.“ Drittens brauche es eine realistische, technologieoffene Klimapolitik.
Renault sieht Transformationsdruck
Auch Renault Trucks rückt die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs in den Mittelpunkt. Das Unternehmen bezeichnet diese unter realen wirtschaftlichen Bedingungen als zentrale Herausforderung. Die Kunden stünden vor sehr unterschiedlichen Einsatzprofilen, Investitionsentscheidungen und infrastrukturellen Voraussetzungen.
E-Tech T 780 kommt
Vor diesem Hintergrund erweitert Renault Trucks sein vollelektrisches Angebot deutlich. Unter anderem wird der neue E-Tech T 780 eingeführt, der Reichweiten von bis zu 600 Kilometern ermöglicht und für das Megawatt Charging System vorbereitet ist. Ergänzt wird das Portfolio durch neue Assistenzsysteme und digitale Lösungen. Renault Trucks versteht Dekarbonisierung als schrittweisen Transformationsprozess und setzt auf Technologieoffenheit über alle Antriebsstränge hinweg.
MAN vorsichtig optimistisch
MAN Truck & Bus Deutschland legt für 2026 eigene Schwerpunkte fest und blickt dabei vorsichtig optimistisch auf das kommende Jahr. Nach einem herausfordernden Jahr 2025 mit rund 65.000 zugelassenen Lkw über sechs Tonnen in Deutschland bleibe die wirtschaftliche Lage anspruchsvoll, doch Infrastrukturprojekte und die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Transportlösungen sorgen für Rückenwind. „Die Mautbefreiung für Elektro-Lkw bis 2031 gibt unseren Kunden Investitionssicherheit“, betont Dennis Affeld, Vorsitzender der Geschäftsführung von MAN Truck & Bus Deutschland.
MAN fordert mehr Tempo
Das von der EU-Kommission vorgelegte Automotive Package (siehe Titelthema) bewertet MAN als positiven Schritt. Gleichzeitig sehe das Unternehmen weiterhin erhebliche Hürden: „Jeden Tag sehen wir viele Hürden, die es für eine erfolgreiche Transformation im Nutzfahrzeugbereich zu überspringen gilt – von mangelnder Ladeinfrastruktur bis hin zu lähmender Bürokratie“, so Affeld. Das Paket adressiere einige dieser Probleme, reiche jedoch nicht aus. „Erstens braucht es für eine erfolgreiche Transformation viel mehr und umfassendere politische Lösungen. Zweitens müssen diese so schnell wie möglich umgesetzt und nicht im politischen Prozess verzögert werden“, appelliert der MAN-Chef.
MAN startet Megawattladen
Der Fokus für 2026 liegt bei MAN klar auf Elektromobilität. Seit 2025 sind MAN eTGX und eTGS im Einsatz, von denen rund 500 Fahrzeuge teils bereits über 150.000 Kilometer absolviert haben. Ab dem zweiten Quartal 2026 liefert MAN die ersten eTrucks mit Megawattcharging bis zu 750 kW aus. Bei 480 kWh Batteriekapazität sollen damit Ladevorgänge von 10 auf 80 Prozent in unter 45 Minuten möglich sein. Im Verteilersegment folgt zur Jahresmitte der Marktstart des neuen MAN eTGL, womit das vollelektrische Portfolio von 12 bis 42 Tonnen reicht. Im Busbereich startet zudem die Produktion des ersten vollelektrischen Reisebusses, des MAN Lion’s Coach 14 E.
PowerLion bleibt wichtig
Bei konventionellen Antrieben möchte MAN die Erfolgsgeschichte der PowerLion-Diesel für Sattelzugmaschinen fortsetzen, die den Angaben zufolge sehr kraftstoffsparend sind. „Im Übergang zur Zero-Emission-Logistik brauchen wir beides“, unterstreicht Affeld – den Hochlauf der Elektromobilität ebenso wie sehr sparsame Verbrenner dort, wo der Einsatz von E-Lkw noch nicht unmittelbar möglich ist. Für neue Aufträge ab Januar 2026 wird der D30 PowerLion mit drei Jahren Vollgarantie sowie einer Antriebsstranggarantie im vierten Jahr unterlegt. Ziel sei es, die Marktführerschaft bei Sattelzugmaschinen weiter auszubauen. Ergänzt werde das Portfolio durch optimierte Assistenz- und Sicherheitssysteme sowie neue digitale Services wie KI-gestütztes Flottenmanagement. Auch der MAN TGE erhält 2026 wichtige Updates.





