Gold-Jubiläum für den vielleicht wichtigsten Wettbewerb der Lkw-Branche! Seit 50 Jahren schlägt der Puls der Lkw-Hersteller im Herbst eines jeden Jahres höher. Dann prämiert eine stetig gewachsene Fachjury von Lkw-Experten aus 24 Ländern Europas die aus ihrer Sicht wichtigste Neuerscheinung des Jahres, den Truck Of The Year. Mittlerweile gibt es viele Nachahmer des Truck-Oscars, aber nur der ITOY-Titel gilt als unabhängige und europaweit gültige Auszeichnung, die wechselweise auf der IAA Transportation und der Solutrans in Lyon an die Hersteller übergeben wird.
Anfänge in England
Was heute als Instanz für die Bewertung der Mühen von Ingenieuren der Industrie gilt, hat – wie alles – klein angefangen. Der „Truck Of The Year“ wurde in England in der Redaktion des traditionsreichen Truck Magazine aus der Taufe gehoben. Chefredakteur Pat Kennett diskutierte an einem Abend im Jahr 1976 mit Herausgeber Andrew Frankl über die überfällige Auszeichnung für den Lkw des Jahres, ähnlich der Titel, die bereits an Pkw-Neuheiten verliehen wurden.
Das Duo fackelte nicht lange. Sie wählten höchstpersönlich und im kleinsten Kreis den ersten „Truck Of The Year“. Die Wahl im Januar 1977 fiel dann logischerweise auf einen Engländer, den Seddon Atkinson 200, der mit 134 PS starkem 7,8-l-Sechszylinder aus der Produktion eines deutschen Traktormotorenbauers auf die Erfolgsstraße einbog. Mit Folgen. Der Hersteller war über den Titel hocherfreut und dankte den Konkurrenten in eilig geschalteten Anzeigen sarkastisch dafür, „dies möglich gemacht zu haben“.
Die Idee einer Best-Of-Wahl kam glänzend an, die Jury wuchs schnell auf sechs Juroren an, darunter einer aus Deutschland. Schon im zweiten Jahr war es dann auch vorbei mit der „splendid isolation“ der britischen Lkw-Bauer, die den heimischen Markt dominierten. Den zweiten, jetzt auch internationalen Titel konnte der erste Lkw vom Kontinent einfahren. Der in Richtung Fahrerbedürfnisse entwickelte MAN 16.280 holte sich mit knappem Vorsprung vor dem aktuellen Volvo die Lasterkrone – ein deutsch-schwedisches Kräftemessen, das bis heute andauert.
Im folgenden Jahr kürten schon sieben Juroren die beste Neuerscheinung. Die Krone ging an den 36 Tonnen ziehenden Volvo F7 mit dem legendären Viererclub-Haus. 1980 konnten die Bayern dann mit dem 19.321 der Baureihe F8 einen Konter setzen. Schon damals galt: Die Trophäe in Form eines stilisierten Lenkrads aus Aluminiumguss gab es nur für den Gewinner. ABBA brachte es auf den Punkt: „The Winner Takes It All!“
1981 konnte sich das markenreiche Großbritannien noch einmal gegen die Konkurrenz vom Festland behaupten, ein bei uns nahezu unbekannter Leyland T45 Roadrunner holte sich die Krone. Und trotzdem: Dass der 1982 als waschechter Engländer debütierte Ford Cargo mit seinem Perkins- und Cummins-V8 schon der letzte britische ITOY-Gewinner sein würde, war noch nicht abzusehen.
1983 entscheidet sich die mittlerweile auf 13 Mitglieder angewachsene Jury erstmals für einen Franzosen, den Renault G 260, der mit seinem 10-Liter-Sechszylinder mit 260 PS bis zu 38 Tonnen ziehen kann. Die ITOY-Wahl ist als „Oscar“ der europäischen Lkw-Branche spätestens jetzt angekommen. Volvo mit dem F10, Mercedes mit dem völlig neuen LN2 und wieder Göteborg mit dem Volvo FL6/FL7 können den begehrten Titel in den folgenden Jahren gewinnen.
1987 ist aber das große Jahr für MAN: Mit dem Debüt der F90-Reihe im alten Olympia-Stadion in Garmisch-Partenkirchen werfen die Bayern ein ganz heißes Eisen in den Ring. Der F90 ist vielleicht der erste Vertreter einer neuen, modernen Lkw-Generation. Wegen seines modularen Konzepts, kräftiger Sechszylinder und „brilliantem Engineering“ macht die Fachjury ihn zum Sieger. MAN legt mit dem goldenen Wurf ein Fundament, das bis in die 2000er Jahre zur Premiere der TG-Reihe reichen sollte.
Ähnliches hat auch DAF auf dem Plan und hält ein Jahr später mit dem 95er dagegen. Sein würfelförmiges Großraumhaus, die bewährten 11,6-Liter-ATi-Sechser und das konventionell-konservative Fahrwerk sind die Zutaten für den niederländischen Dauerbrenner. Mit der Scania 3er-Serie und dem Mercedes SK aber gibt es auch danach zwei weitere prominente ITOY-Sieger.
Die Osterweiterung der Jury
Deutschland freut sich 1990 wiederum nicht nur über die Neuauflage des großen Benz, sondern feiert auch die Wiedervereinigung. Der Gebraucht-Lkw-Handel explodiert förmlich. Alles, was noch aus eigener Kraft rollen kann, wird zu teils frechen Preisen nach Ostdeutschland verkauft. Viele Transporteure wechseln vom Ifa W50 auf einen Gebrauchten aus dem Westen. Auch in der ITOY-Jury hat der Fall des Eisernen Vorhangs eine unerwartete Erweiterung zur Folge: Polen, Ungarn und die Tschoslowakei erweitern den Kreis der Fachleute, die einmal im Jahr ihre Wertungspunkte vergeben dürfen. Zwölf Punkte gibt das Juroren-Konto her, maximal sieben darf man auf einen Kandidaten vergeben, damit ist eine ausgewogene Wertung unter den Wettbewerbern garantiert.
Trotzdem gibt es in der 50-jährigen ITOY-Geschichte immer wieder klare Sieger. Der 1991 präsentierte Renault AE, später in Magnum umbenannt, gilt beispielsweise als echte Revolution. Das vom Chassis getrennte Großraumfahrerhaus bietet viel Raum und ein hypermodernes Bedienkonzept. Mit bis zu 500-Mack-PS fährt der AE davon, die Jury ist begeistert. Platz eins! Da kann der ebenfalls von Grund auf neue Iveco Eurocargo 1992 nicht mithalten. Trotzdem reicht es für den kleinen Italiener und seinen 1993 folgenden Mittelklassebruder Eurotech für den Titel. Und nicht nur die Kabinen, auch die Jury wächst: Portugal und große Teile des Balkan werden aufgenommen und sogar bis nach Moskau eine Stimme vergeben. Die 90er Jahre bringen mit Volvo FH 12/FH16, der Scania 4er-Serie und dem DAF FX985 weitere Highlights. 1997 holt schließlich der erste Mercedes Actros mit teilautomatisiertem Telligent-Getriebe und CAN-Bus-Technik den Pokal ins Schwabenland.
Trucks für das neue Jahrtausend
Der erneuerte Volvo FH läutet später das neue Jahrtausend ein, das 2001 mit dem MAN TG-A schon einen vollständig neuen Lkw mit XXL-Haus erlebt. Erst 2008 sind es wieder die MAN-Mannen, die mit dem TGX/TGS die Weichen in Richtung Zukunft stellen. 2009 geht die Staffel wieder an Mercedes mit dem dezent überarbeiteten Actros MP3. 2010 setzt sich Scania mit dem R mit 730-PS-V8 an die Spitze. 2011 heißt der Titelträger dann Mercedes Atego, 2012 Mercedes Actros MP4. Mit neuen, assoziierten internationalen Mitgliedern wird der ITOY-Gedanke parallel in die Welt getragen.
2013 holt sich der Iveco Stralis Hi-Way mit seinen Cursor-Motoren den Titel. 2014 ist es wieder Zeit für einen komplett neuen Volvo FH mit bis zu 750 PS. Der Renault T erntet im Jahr 2015 als legitimer Nachfolder des Magnum die Titelehren. 2016 kann sich ein rüstiger Iveco Eurocargo nochmal mit Lorbeer schmücken, der im kommenden Jahr an die neue Scania-Baureihe R/S übergeht.
Der DAF CF/XF holt sich mit geliftetem Fahrerhaus den 2018er Titel. Ein neuer Ford F-Max ist der erste in der Türkei gebaute Lkw, der 2019 den Pokal gewinnt. 2020 gewinnt der Mercedes Actros MP5, der mit seiner Sicherheitstechnik neue Akzente setzt. Eine große Modellpflege bringt dem MAN TGX dann den 2021er Titel, der 2022 an den komplett neu konstruierten DAF XF/XG mit dem ersten großen Fahrerhaus gemäß der neuen Längenvorschriften geht. DAF steigt damit endgültig in die Premium-Klasse auf, auch die Mittelklasse XD ist 2023 titelwürdig.
Die E-Lkw kommen und siegen
2024 wird mit dem Volvo FH Electric der erste E-Lkw zum „Truck Of The Year“ gewählt, 2025 folgt der eActros 600 mit ProCabin. Auch der ITOY 2026 ist mit XD/XF Electric ein E-Lkw. Und Titelträger 2027 ist folgerichtig wieder ein E-Truck: die Electric-Volvo der zweiten Generation setzen den Trend zum alternativen Antrieb unter Beweis.








